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Abstract
In den letzten Jahren ist eine Reihe von Daten veröffentlicht worden, die, eine grundlegend neue Interpretation der Pathogenese der Arteriosklerose (Atheroskerose) erlauben. Hiernach ist die Arteriosklerose das Resultat einer ultrachronischen persistierenden Infektion der Gefäße durch die erst 1995 entdeckten neuartigen Erreger Chlamydia pneumoniae. Die Arteriosklerose wäre somit keine multifaktorielle Erkrankung durch unterschiedliche Risikofaktoren, sondern bekäme eine bemerkenswert einfache, Erklärung.
Starke Argumente für die Chlamydien-These sind:
1. eine Korrelation zwischen koronarer Herzkrankheit und anderen arteriosklerotischen Manifestationen mit Antikörpern gegen Chlamydia pneumoniae,
2. der Nachweis von Chlamydia pneumoniae mit unterschiedlichen Techniken (PCR, Immunhistochemie, Elektronenmikroskopie, Anzüchtung) mit einem hohen Prozentsatz in Atheromen (13 positive Studien),
3. drei erfolgreiche Interventionsstudien mit Makroliden bei koronarer Herzkrankheit,
4. Infizierung der Zielzellen (Endothelien, Makrophagen, Muskelzellen) durch Chlamydia pneumoniae,
5. Erzeugung einer protrahierten Arteriitis im Tierversuch.
Generella läßt sich konstatieren, daß die Koch-Henleschen Kriterien zur Sicherung der Pathogenese weitgehend erfüllt sind; es erscheint jedoch fraglich, wieweit diese Kriterien überhaupt für Orgammanifestationen einer chronischen Infektion geeignet sind. Eine Reihe unerklärlicher Phänomene der Arteriosklerose wird durch die Infektionsthese erklärbar: Die Androtropie des Herzinfarktes hat sein Gegenstück in der Androtropie vieler bakterieller Infektionen (zum Beispiel Tuberkulose, Pneumonie). Der unerklärliche Rückgang der Arteriosklerose seit 1965 könnte durch die Popularisierung der Antibiotikatherapie in den letzten 30 Jahren erklärt werden. Die niedrige Inzidenz des Herzinfarktes in Frankreich -- die zum Teil als Rotweineffekt gedeutet wird -- könnte besser durch den viel höheren Antibiotikakonsum erklärt werden. Eine Reihe von Entzündungsreaktionen (CRP, Leukozyten, Fibrinogen) vor Auftreten eines Herzinfarktes wird als Zeichen einer chronischen Infektion erklärlich. Es bietet sich die Deutung an, daß die als atherogen geltenden Lipidprofile nicht Ursache des Herzinfarktes sind, sondern Folge der chronischen Chlamydieninfektion der Gefäße.
Das wichtigste Gegenargument gegen die Infektionsthese ist die Tatsache, daß Chlamydia pneumoniae in den Tropen sehr häufig vorkommt. Die Arteriosklerose ist in Entwicklungsländern jedoch ausgesprochen selten. Eine Erklärung wäre, daß die Gefäßinfektion möglicherweise etwas mit dem Alter der Patienten bei der Primärinfektion zu tun haben könnte. Unter primitiven Verhältnissen kommt es frühzeitig zu einer intestinalen Primärinfektion, die zu einer Partialimmunität führt. Eine spätere respiratorische Infektion im älteren Kindesalter bzw. jüngeren Erwachsenenalter führt dagegen zu einer systemischen Infektion mit Persistenz in den Gefäßen.
Die These, daß Chlamydia pneumoniae der primäre Erreger der Arteriosklerose ist, erscheint wesentlich plausibler als die ebenfalls vertretbare Auffassung, daß sich Atherome sekundär mit Chlamydien besiedeln. In beiden Fällen ist die Konsequenz jedoch gleich: Eine Antibiotikatherapie bekommt eine wichtige Position bei der Arteriosklerose. Die Makrolide Roxithromycin, Azithromycin und Clarithromycin sowie Doxycyclin sind geeignete Antibiotika bei Infektionen mit Chlamydia pneumoniae. Derzeit ist es unklar, wie lange eine optimale Therapie sein muß. Während in den vorliegenden Studien nur relativ kurze Therapiedauern angewandt wurden, gibt es gute Argumente für eine Therapie, in der Wirkspiegel über sechs bis acht Wochen erreicht werden. Es erscheint dringend notwendig, in nächster Zeit Interventionsstudien bei koronarer Herzkrankheit und anderen Manifestationen der Atherosklerose durchzuführen. Es stellt sich derzeit freilich die Frage, ob man bereits heute die billige, risikoarme und im Prinzip zugelassene Therapie des Herzinfarktes mit Antibiotika durchfähren sollte. Bei Abwägung aller Argumente erscheint es bereits heute gerechtfertigt, Hochrisikopatienten mit Antibiotika zu behandeln (zum Beispiel bei juvenilem Herzinfarkt, juveniler Apoplexie, juvenilen Gefäßverschlüssen). Die Voraussetzung sind jedoch eine sorgfältige Protokollierung und eine langdauernde Überwachung der Patienten, um auch in Kohortenstudien Therapieeffekte beurteilen zu können.
Fernziel sind Präventionsstudien, bei denen jüngere Erwachsene ohne Manifestationen einer Arteriosklerose intermittierend mit Antibiotika behandelt werden. Derartige Studien, die auch ein gewisses Risiko einer Resistenzentwicklung in sich tragen, sind allerdings nur mit einem erheblichen organisatorischen, und zeitlichen Aufwand zu realisieren.





