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Barbara Vinken, Cornelia Wild (Hrsg.): Arsen bis Zucker, Flaubert-Wörterbuch, Berlin: Merve 2010, 288 Seiten, Internationaler Merve Diskurs 343
Abecedarien, Register und Wörterbücher gehören zur Literatur. Zumindest für Literaturkritiker und -Wissenschaftler, Lektoren, Philologen und andere Berufs- leser. Gleichwohl gibt es Leserinnen, die bei der Lektüre nie einen Bleistift zücken, keine Annotationen oder Unterstreichungen vornehmen, ihre Lieblingsbücher spurlos hinterlassen und nie verzetteln. Und auch nichts über sie lesen. Doch auch beim Registermachen und Verzetteln gibt es Unterschiede, nicht alle Schriftsteller und Texte eignen sich gleichermaßen dazu, am Ende wieder in Nachschlagewerke und Wörterbücher überführt zu werden - Gustave Flaubert zweifellos, auch wenn Emma Bovary keine Stichwortregister zu ihren Lektüren anlegte. Ihr Schöpfer aber verschlang Sachliteratur, die er mit Alexis Eymerys Dictionnaire des girouettes zu seinen Lieblingslektüren zählte, und nahm wie kaum ein anderer Autor der Welt- literatur Bezug auf Enzyklopädien, Lexika und Wörterbücher.1 Allerdings wurde Flauberts bereits in der Jugend geplanter und bis zum Tod in Arbeit befindlicher Dictionnaire des idées reçues nie fertig.2 Die wohl stärksten und ausdauerndsten Leser der Literaturgeschichte, François Bouvard und Juste Pécuchet, wie ihr Autor wahre Bücherfresser, blieben am Ende Figuren eines unfertigen Romans, des- sen Zusatzband, Flauberts Sottisier bzw. Copie, diese "encyclopédie de la Bêtise humaine",3 gleichfalls nie vollendet wurde.4
Wörterbücher sind Standardwerke bzw. wollen es sein; dick und schwer, oftmals vielbändig, lange in Bearbeitung, für die Ewigkeit konzipiert. Flaubert hätte darüber wohl gelacht und selbstkritisch vielleicht den Eintrag aus seinem Dictionnaire angeführt: "Dictionnaire en rire [dire] - n'est fait que p. [our] les ignorants".5 Ob das im Dezember 2010 bei Merve erschienene Flaubert-Wörterbuch von Barbara Vinken und Cornelia Wild sein Interesse gereizt und sein Gefallen gefunden hätte, bleibt unentscheidbar, immerhin enthält es Einträge zu "Dumm- heit" von Dolf Oehler (74-77) und "Gemeinplatz" von Anne Herschberg Pierrot (107-111). Statt eines gewichtigen Nachschlagewerks, das fortwährend aktuali- siert den neuesten Forschungsstand imposant präsentiert (erinnert sei nur an Jean-Benoît Guinots ebenfalls 2010 erschienenen 800-seitigen Dictionnaire Gusta- ve Flaubert),6 ist das 288-seitige Flaubert- Wörterbuch ein kurzweiliges und leichtes Taschenwörterbuch, seine 69 vielfältig aufeinander verweisenden Einträge um- fassen zwischen einer ("Auslassung") und acht ("Fontainebleau") Seiten.
Barbara Vinken ist Professorin für Romanische Philologie und Allgemeine Literaturwissenschaft, Cornelia Wild wissenschaftliche Assistentin und Mitglied des Jungen Kollegs der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, beide arbeiten gemeinsam am Institut für Romanische...





