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ABSTRACT: In einem Fragment des oströmischen Geschichtsschreibers Priskos, das gewöhnlich als Nr. 28 nummeriert wird, kommt ein skythischer König namens Balamer vor, der in der Forschung meist mit dem ostgotischen König Walamir gleichgesetzt wird. In der folgenden Untersuchung wird diese Stelle analysiert. Für die chronologische Bestimmung der Ereignisse werden die Editionen von Bekker/Niebuhr und de Boor zugrunde gelegt, da in diesen noch die konstantinische Ordnung der Fragmente aufbewahrt wird. Die Analyse der Fragmente zeigt, dass die "Balamer-Episode" in die Jahre zwischen 456 und 459 gesetzt werden muss. Damit kommt jedoch der Ostgotenkönig Walamir nicht in Frage, der 462-463 einen Friedensvertrag mit dem oströmischen Kaiser Zeno schloss. Auch der niedrige Tribut, der vom Kaiser geleistet wurde, spricht gegen die Gleichsetzung mit Walamir. In Frage kommt jedoch ein hunnischer Kleinkönig aus dem Kaukasusgebiet.
Die Gesellschaftsstruktur der Hunnen wird seit langem in der Historiographie kontrovers diskutiert. Zwei Auffassungen stehen gegenüber: 1) Die hunnische Gesellschaft entwickelte sich von einer segmentären Gesellschaft um das Jahr 375 bis zu einer absoluten Monarchie unter Attila in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts - in abgeschwächter Form zu einem gentilen Königtum.1 2) In dieser Zeitspanne von ca. 80 Jahren fand keine wesentliche Veränderung in der Gesellschaftsstruktur statt. Die Hunnen lebten in diesem Zeitraum - genauso wie ihre barbarischen Nachbarn - in einer archaischen Gesellschaft.2 Eng mit dieser Frage hängt die Existenz eines Königtums zusammen, zu der die Historiographie ebenfalls gegensätzliche Meinungen liefert, das heißt die Frage, ob die Hunnen während ihrer ganzen europäischen Geschichte unter Führung von Königen standen.3 Der Grund der Kontroverse liegt in den Aussagen der zur Verfügung stehenden Quellen. Der Zeitgenosse Ammianus Marcellinus beschreibt eine segmentäre Gesellschaft mit einer improvisierten Führung an der Spitze.4 Jordanes, der um die Mitte des 6. Jahrhunderts lebte und zum größten Teil das verloren gegangene Werk des Senators Cassiodor für seine Getica benutzte,5 berichtet von einem König der Hunnen namens Balamber, der während der Gotenkriege das Hunnenheer führte.6
Diese beiden Quellen liefern zugleich die detaillierteste Darstellung des Hunneneinfalls um 375 und die folgenden Ereignisse. Sie lassen sich wie folgt kurz zusammenfassen:
Nach Ammianus Marcellinus überfielen die Hunnen zunächst die Alanen am Don, danach begannen sie einen Feldzug gegen das gotische Reich von Ermanarich. Nach der Niederlage und seinem Tod wurde Widimir zum König...





