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Ich muß gestehen, ich halte diese begrifflichen Vorgaben und die daraus folgenden Zuordnungen für die am meisten problematische und am wenigsten einleuchtende Seite an diesem schön gestalteten Band, der von klug kommentierten Materialien überfließt und selbst etwas wie ein Stück germanistischer Polyhistorie darstellt (mit der die Resultate der heute wohl schon so gut wie historischen 'Barockforschung' ja ohnehin oft verwandt gewesen sind). Hemmerling tut deshalb gut daran, sich mit Michael Wiedemanns Historisch-poetischen Gefangenschafften (von Leipzig 1689) auf einen dazwischen liegenden Typus zu konzentrieren, "als Paradebeispiel einer Unterhaltungszeitschrift aus dem Dunstkreis der polyhistorischen Kompilationen" (S. 223).4 Ergiebig ist auch Hole Rößlers Beitrag über Polymathie als Bildungsutopie in Johann Daniel Majors utopischer Erzählung See-Farth nach der Neuen Welt/ ohne Schiff und Segel von 1670, da man der Polymathie um diese Zeit nicht mehr unbedingt zutraut, als Träger einer zukunftsgerichteten Bildungskonzeption zu funktionieren. Auch die Beigabe einer Bibliographie der gedruckten und ungedruckten Schriften dieses hochinteressanten und zu wenig erschlossenen Autors wäre zu wünschen gewesen - Wünsche dieser Art, etwa eine Zusammenstellung der Namen, Daten und Titel wenigstens der behandelten Autoren sowie der wichtigsten Forschungsliteratur, lassen sich auch gegenüber diesem wertvollen Band im ganzen nicht verhehlen.
POLYHISTORISMUS UND BUNTSCHRIFTSTELLEREI. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Flemming Schock. - Berlin, Boston: De Gruyter 2012. (= Frühe Neuzeit. Bd. 169.) 277 S.
Der Titel, Ober- und Untertitel, die Anlage des Bandes, die brauchbare Einführung des Herausgebers Flemming Schock und die beiden grundlegenden Beiträge von Wilhelm Kühlmann und Paul Michel unterstellen auf die eine oder andere Weise, als gäbe es in der sogenannten 'Barockliteratur' ein abgrenzbares Textcorpus namens "Wissensliteratur", das mit Polyhistorie zusammenhängt und als "Buntschriftstellerei" bezeichnet werden soll. Ich muß gestehen, ich halte diese begrifflichen Vorgaben und die daraus folgenden Zuordnungen für die am meisten problematische und am wenigsten einleuchtende Seite an diesem schön gestalteten Band, der von klug kommentierten Materialien überfließt und selbst etwas wie ein Stück germanistischer Polyhistorie darstellt (mit der die Resultate der heute wohl schon so gut wie historischen 'Barockforschung' ja ohnehin oft verwandt gewesen sind).
Die Fragen beginnen schon mit dem zum leeren Etikett inflationierten 'Wissens'-Begriff, der heute mit obstinater Geistlosigkeit in den üblichen Wortkombinationen (-formen, -geschichte, -kultur, -poetik usw.) in allerlei Buch- und Aufsatztiteln begegnet, ohne jemals auf seine analytische Brauchbarkeit geprüft zu werden, was vor allem auf die Frage nach der funktionalen Differenz zu Nachbarkonzepten hinausliefe. Aber wenn alles Wissen ist, ist nichts Wissen, und wenn nicht alles täuscht, haben Literarhistoriker auch früher schon nach dem Wissen in Texten gefragt, ohne diese leere Begriffshülse vor sich herzutragen. Erschwerend kommt hinzu, daß Literatur in einer Epoche, in der die 'Horazformel' vom prodesse delectando usw. selbstverständlich gilt, auch wenn bzw. gerade indem sie nur im Hintergrund wirksam ist und gar nicht präskriptiv formuliert zu werden braucht, nur sehr schwer als etwas anderes denn als eine "Wissensform" zu verstehen ist. Und deshalb stutzt man auch, wenn man bereits auf Seite 2 bei Schock liest: "Nicht der Dichter, sondern [!] der Wissensvermittler Harsdörffer [...]." Leider gelangt man im ganzen Band nicht einmal in die Nähe einer Klärung dieser leidigen Äquivokation.
Weniger prinzipiell, aber nicht weniger irritierend verhält es sich mit dem zweiten Themabegriff, der "Buntschriftstellerei". Diese Bezeichnung wird in dem Band durchgängig, wenn auch unterschiedlich konsequent, als Name für das weitläufige Textcorpus verwandt, ohne daß man sagen könnte, daß die Benennung an irgendeiner Stelle begründet würde. Auch nicht in der Einführung des Herausgebers, die doch eigentlich der Ort dafür wäre, noch von Kühlmann oder Michel in ihren sehr materialreichen, aber wenig systematischen Darlegungen. Im Gegenteil, ihr Gebrauch scheint nicht einmal eine Frage wert zu sein, von einer Antwort, einer Begründung also, zu schweigen. Nur Schock bringt wenigstens ein paar mögliche Alternativen ins Spiel: "Kuriositäten"- und "Kompilationsliteratur", erstere mehr auf die Inhalte, die zweite, wie auch "Buntschriftstellerei", mehr auf Konstitution und Machart bezogen, aber ohne daß dies auf eine begründete Entscheidung in der Namensfrage hinausliefe. Stattdessen werden eingangs wenigstens ein paar Funktionsbestimmungen improvisiert (aber warum muß dieser Versuch, S. 3, sogleich zu einer "wissensgeschichtlichen Kontextualisierung" aufgebauscht werden und warum kann man nicht einfach von Funktionen reden, statt, wie es dem Zürcher Mediävisten Michel beliebt, von "Dienlichkeit"?).
Ich möchte hier zu bedenken geben, daß ein Ausdruck wie "Epitomisierung des Wissens", nach einer Formulierung des Historikers Stefan Rebenich,1 eine brauchbarere Alternative sein könnte, weil damit zumindest die Machart und die zentrale Funktion, die Schock unter dem Titel "Reduktion und Zeitkürzung" behandelt (S. 6 f.), ziemlich genau und zudem mit dem dafür einschlägigen Begriff der antiken Gattungsterminologie gekennzeichnet würde (benachbart zu Breviarien einerseits und der Prodigienliteratur andererseits).
Es liegt mir fern, hier meine eigenen Geschmacksanmutungen zu wichtig zu nehmen oder gar als verbindlich auszugeben. Aber ein Name wie "Buntschriftstellerei", der seit einigen Jahren herumgeistert - altmodisch und unelegant ist zu wenig gesagt. Ein Wort, das seine Herkunft aus dem blumigen Vokabular meist verunglückter Verdeutschungen der altertumswissenschaftlichen Literatur von Anno dazumal, genauer des späten 19. Jahrhunderts, nicht verleugnen kann und uns heute ferner liegt als das Altertum selbst. So etwas 'einfach so' zu übernehmen, dafür fehlt mir offen gestanden der Humor. Mit Recht hat Stefan Manns in seiner 2013 erschienenen Untersuchung über Harsdörffers Schauplätze auf die Verwendung der Bezeichnung bei Wilhelm von Christ (1898) und auf ihren heute geringen Gebrauchswert für die Analyse dieses Erzähltypus hinge- wiesen.2 Im übrigen ist der Name auch nicht wenig äquivok (vom altgriech. Adj. poikílos, -e, -on, Ntr. Pl. tà poikíla: Buntes; he poikíle stoá/ porticus: die bunt bemalte große Säulenhalle in Athen, Subst. he poikilía, auch tò poíkilma: Buntheit): Die üblicherweise genannte Herkunft von Aelians poikíle historía, Bunte Geschichte,3 aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. steht z. B. neben Christoph August Heumanns kritischer Epistolien-Sammlung mit dem Titel Poecile sive epistolae miscellaneae ad literatissimos nostri aevi viros, die in Schocks Band nirgends vorkommt (wohl das latinisierte Adj. von poikíle stoá). Wie schon die aufschlußreichen Vorreden zu diesen nicht weniger als 12 Bänden (drei Bde. zu je vier Teilbänden, Halle 1722-32) deutlich machen, zeigen Heumanns Epistolae auch und vor allem eine Nähe zu den Adagia oder dem Apophthegmatum opus des Erasmus und damit zur Geschichte des Essays. Und wichtiger noch: Diese auf griech. poikílos zurückgehenden Titel deuten offenbar gar nicht unbedingt allein auf die vermischten Sammlungen hin, die mit "Buntschriftstellerei" in der üblichen, ganz vordergründigen Lesart dieser Bezeichnung gemeint sind. Nur Udo Roth geht in seinem Beitrag über die Eutrapeliæ des lutherischen Predigers Samuel Gerlach (zuerst 1639) auf diese Seite der Gattung ein (und damit auf Beccadelli, Erasmus, Lycosthenes, Zincgref u. a.).
Natürlich liegt der Wert des Bandes entschieden bei den einzelnen Beiträgen und den Ergebnissen ihrer Untersuchungen, auf die der interessierte Leser mit Nachdruck verwiesen sei. Es befassen sich zehn Autoren (lat. auctor schließt das Fem. ein, und - man muß es offenbar immer wieder betonen - entgegen einer bekannten dümmlichen Praxis sind weibliche Autoren stets impliziert) mit einzelnen dieser Sammlungen, und sinnvollerweise sind darunter auch mehrere weniger bekannte wie die genannte von Gerlach, Verschiedenes von Johannes Praetorius (Gerhild Scholz Williams), von Georg Andreas Böckler (Nikola Roßbach) und dem Freiherrn von Seckendorff (Stefan Laube). Zwei Beiträge behandeln Barockromane unter Aspekten der Vermittlung bunten Wissens: Christian Meierhofer untersucht Werke von Eberhard Werner Happel und Karin Vorderstemann handelt über Ziglers Asiatische Banise. Besonders bemerkenswert ist die Einbeziehung der frühen Journale durch Wiebke Hemmer- ling ("Zum Verhältnis von Gelehrsamkeit und Curiosität"). Die Gattung der periodischen Journale ist bis um 1700 gerade in Deutschland noch durchaus variabel und wenig stabil, die Grenzen zu den nicht periodisch oder nur in einzelnen Folgebänden erscheinenden Sammlungen sind fließend. Hemmerling tut deshalb gut daran, sich mit Michael Wiedemanns Historisch-poetischen Gefangenschafften (von Leipzig 1689) auf einen dazwischen liegenden Typus zu konzentrieren, "als Paradebeispiel einer Unterhaltungszeitschrift aus dem Dunstkreis der polyhistorischen Kompilationen" (S. 223).4 Ergiebig ist auch Hole Rößlers Beitrag über Polymathie als Bildungsutopie in Johann Daniel Majors utopischer Erzählung See-Farth nach der Neuen Welt/ ohne Schiff und Segel von 1670, da man der Polymathie um diese Zeit nicht mehr unbedingt zutraut, als Träger einer zukunftsgerichteten Bildungskonzeption zu funktionieren. So wurde dieses Werk deshalb in früheren Untersuchungen, die von Rößler freilich etwas zu schnell abgetan werden, auch nicht wahrgenommen. Zu wenig Beachtung findet Majors spätere wissenschaftskritische Schrift vom Genius errans, sive de ingeniorum in scientiis abusu dissertatio von 1677. Der von Rößler in Aussicht gestellte Neudruck der Utopie wird hoffentlich nicht ohne Berücksichtigung des nicht erwähnten und noch immer ungedruckten Reisebuches realisiert werden, auf das Karin Unsicker hingewiesen hat: die Beschreibung dero von ihm gethanen kleinen Spatzier-Reise von Kiel aus nach Norden. "Hier übt Major den in der See-Farth theoretisch entworfenen Polyhistorismus praktisch aus."5 Erfreulich wäre es, wenn das Reisebuch auch gleich mit ediert werden würde. Auch die Beigabe einer Bibliographie der gedruckten und ungedruckten Schriften dieses hochinteressanten und zu wenig erschlossenen Autors wäre zu wünschen gewesen - Wünsche dieser Art, etwa eine Zusammenstellung der Namen, Daten und Titel wenigstens der behandelten Autoren sowie der wichtigsten Forschungsliteratur, lassen sich auch gegenüber diesem wertvollen Band im ganzen nicht verhehlen. Zu einem knappen Personenregister hat es immerhin gereicht.
1 Zur Kennzeichnung heutiger Wissensliteratur wie der diversen Taschenbuchreihen des Beck-Verlags ("C. H. Beck Wissen" u. a.), in: Stefan Rebenich: C. H. Beck 1763-2013. Der kulturwissenschaftliche Verlag und seine Geschichte. München: Verlag C. H. Beck 2013, S. 715 ff. Vgl. die Rezension des Bandes von H. Jaumann: Sechs Generationen von Büchermachern, ohne das Buddenbrook-Syndrom. In: literaturkritik.de, Nr. 1, Januar 2014.
2 Stefan Manns: Grenzen des Erzählens. Konzeption und Struktur des Erzählens in Georg Philipp Harsdörffers 'Schauplätzen'. Berlin: Aufbau Verlag 2013 (= Deutsche Literatur. Studien und Quellen 14). Vgl. dort S. 34, Fn. 100 zu Wilhelm von Christ: Geschichte der griechischen Litteratur. Bis auf die Zeit Justinians. München 1898.
3 Bunte Geschichten. Neu übersetzt und hrsg. von Hadwig Helms. Stuttgart: Reclam 1990 (= Universal-Bibliothek 1351).
4 Vgl. meinen Artikel in: Killy Literaturlexikon. 2. Aufl. Bd. 12 (2011), S. 384 f.
5 Karin Unsicker: Art. Major, Johann Daniel. In: Killy Literaturlexikon. 2. Aufl. Bd. 7 (2010), S. 629 f., Zitat S. 630.
Neunburg Herbert Jaumann
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