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Gemeinsam mit Howard Beckers "Art Worlds" und Richard Petersons "Production of Culture"-Ansatz entstand hier in Abgrenzung zu musikwissenschaftlichen Traditionen eine eigenständige sozialwissenschaftliche Perspektive auf musikalische Praxis. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dem grenzüberschreitenden Musikgeschmack, zu dem er schon 2010 im Band 2 der verdienstvollen, aber kurzlebigen Reihe Werkstatt populäre musik erste Ideen vorgelegt hat. Mit der (im englischen Sprachraum gut etablierten) Social Psychology of Music wird hier eine traditionelle Forschungsdisziplin außen vor gelassen, die einer interdisziplinär orientierten Musiksoziologie zu wertvollen Erkenntnissen verhelfen könnte.
Berli, Oliver: Grenzenlos guter Geschmack. Die feinen Unterschiede des Musikhörens. Bielefeld: transcript 2014. 296 S., 15 Tabellen, ISBN 978-3-8376-2736-7.
Oliver Berli dokumentiert mit diesem Buch seine Auseinandersetzung mit dem Musikgeschmack, einem Evergreen der sozialwissenschaftlichen Musikforschung. Schon im Untertitel verweist er klar auf seine Hauptreferenz. Pierre Bourdieu hat 1979 mit La distinction den bis dahin eindrucksvollsten Entwurf einer ungleichheitstheoretischen Gesellschaftstheorie auf Basis klassenspezifischer Kulturrezeption vorgelegt.1 Generationen von Kultursoziologen arbeiten sich seither an dieser Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft ab. Gemeinsam mit Howard Beckers "Art Worlds" und Richard Petersons "Production of Culture"-Ansatz entstand hier in Abgrenzung zu musikwissenschaftlichen Traditionen eine eigenständige sozialwissenschaftliche Perspektive auf musikalische Praxis. Mit der ,Entdeckung' der musikalischen Allesfresser hat dieses Feuer noch einmal neue Nahrung bekommen und auch im deutschen Sprachraum intensive Anschlussforschung motiviert. Hier reiht sich nun Berli ein, mit seiner Untersuchung der Distinktions- und Legitimationspraxis von Musikrezipienten. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dem grenzüberschreitenden Musikgeschmack, zu dem er schon 2010 im Band 2 der verdienstvollen, aber kurzlebigen Reihe Werkstatt populäre musik erste Ideen vorgelegt hat. In der Auseinandersetzung mit Omnivorizität und grenzüberschreitendem Konsum - was nicht das gleiche ist - entwickelt er hier eine Theorie des unterscheidenden Hörens und untersucht auf empirischem Wege Praktiken des Ordnens, Praktiken des Legitimierens und Praktiken des Sich-Abgrenzens.
Das Buch präsentiert sich in der bewährten Darstellungsform von Dissertationsprojekten. Zu Beginn erfolgt eine intensive Auseinandersetzung mit dem theoretischen Rahmen. Das sind zuerst natürlich Bourdieus ungleichheitsanalytische Soziologie des Musikgeschmacks und ihre Wurzeln bei Marx und Weber. In der Folge diskutiert Berli Bourdieus zentrales Habitus-Konzept als systematisches Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschema, dann das Distinktionshandeln als zweite zentrale Erklärungsfigur sowie Bourdieus Erweiterung der Kapitalanalytik von Karl Marx hin zur Aufsplitterung in ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital. Er spart dabei nicht mit Kritik, zentrale Einwände aus der Bourdieu-Rezeption werden überzeugend vorgebracht. Berlis eigene aus empirischer Praxis erworbene Expertise zeigt sich hier unter anderem in der Warnung, das Fehlen von Ablehnung bestimmter kultureller Angebote als Toleranz zu werten, handle es sich doch oft einfach um Indifferenz. Dieser wichtige Hinweis zeugt von der Einsicht, dass die differenzierte Auseinandersetzung mit Musik ein besonderes Interesse erfordert, das von "Otto Normalverbraucher" nicht erwartet werden kann.
Das folgende Kapitel setzt sich mit der Omnivore/Univore-Forschung auseinander, deren Konzeption aus einer US-amerikanischen Sekundäranalyse, der Anschlussforschung mit all ihren Schwierigkeiten und Interpretations-Idiosynkrasien. Berli diagnostiziert, dass das Verhältnis von kultureller Repräsentation und sozialer Ungleichheit nicht überzeugend empirisch begründet und theoretisch fundiert sei (S. 64). Er spricht hier ein Desiderat an, das auch nach seiner eigenen Untersuchung fortbesteht. Sein Umgang damit ist, das Omnivore-Konzept lediglich als "sensibilisierendes Konzept" nach Herbert Blumer für seine Forschung zu betrachten.2 Das vierte Kapitel ist methodologischen Überlegungen gewidmet. Die Abgrenzung gegen quantitative Methoden wird hier einerseits mit der Problematik von Sekundäranalysen argumentiert, andererseits mit Michael Parzer, der sagt, nur qualitative Forschung könne "erklären, was es bedeutet, eine bestimmte Musik besonders zu mögen."3 Berli dokumentiert seine Herangehensweise nach dem Prinzip der Grounded Theory. Sein Sample sind zehn Personen (sieben Männer und drei Frauen), alle mit laufendem oder abgeschlossenem Studium, sieben im Alter zwischen 25 und 31 Jahren. Sein Interviewleitfaden bildet drei zentrale Komponenten des Musikgeschmacks ab: Präferenz, Wissen, Aneignungspraktik.
Bevor wir mit der Theorie des unterscheidenden Hörens belohnt werden, erfolgt in Kapitel 5 ein Schnelldurchlauf zu "Generierungsbedingungen von Musikgeschmack". Mangelnde soziologische Auseinandersetzung mit musikalischer Sozialisation wird hier beklagt. Die versuchte Erweiterung von Bourdieus eingeschränkter Perspektive (Familie vs. Schule) fällt jedoch nicht überzeugend aus. Mit der (im englischen Sprachraum gut etablierten) Social Psychology of Music wird hier eine traditionelle Forschungsdisziplin außen vor gelassen, die einer interdisziplinär orientierten Musiksoziologie zu wertvollen Erkenntnissen verhelfen könnte. In Kapitel 6 präsentiert sich nun das theoretische Herzstück des Buches, unterteilt in die drei analytischen Aspekte Praktiken des Ordnens, des Legitimierens und des Sich-Abgrenzens. Hinsichtlich des Ordnens beziehungsweise des Einteilens von Musik konnte Berli eine indirekte Proportionalität zwischen klassifikatorischem Wissen der Befragten und ihrer Zufriedenheit mit Zuordnungen der Tonträgerindustrie erkennen. Legitimiert wird musikimmanent, musikexmanent, funktionell oder hörstrategisch. Offenbar zeigte sich trotz Homogenität der Befragten eine Vielfalt von Legitimierungspraktiken und konkurrierenden Qualitätskriterien. Hinsichtlich des Sich-Abgrenzens ergänzt Berli Bourdieus Distiniktions-Perspektive um Goffmans Theorie alltäglicher Selbstdarstellung. Signifikante Andere sowie "das biographische Selbst" werden hier als soziale Objekte des Sich-Abgrenzens beschrieben. Musikrezeption wird in dieser Perspektive explizit als soziales Handeln im Sinne von Impression-Management gelesen.
Was lässt sich nun zum Ertrag der Forschung sagen? Die Interviewpartner zeigten sich offenbar bemüht, Offenheit und Toleranz zu signalisieren, ohne den Eindruck bedingungsloser Offenheit zu erwecken. Die beschränkte Tauglichkeit der gewählten Forschungsmethode, um geschmackliche Grenzziehungen und Ablehnung von Musik zu erheben, tritt hier deutlich zu Tage. "Denn wer möchte sich gegenüber einem mehr oder minder Fremden [...] als kulturell intolerant darstellen?" (S. 237). Hier ließe sich einwenden, dass Bekanntheit zwischen Gesprächspartnern die Gefahr von Ergebnisverzerrungen aufgrund sozialer Erwünschtheit noch erhöht. So gesehen wäre eine anonymisierte quantitative Erhebung wahrscheinlich ertragreicher gewesen. Nichtsdestotrotz kann der Autor interessante Ergebnisse zu grenzüberschreitendem Musikgeschmack und dessen Legitimierung vorlegen, die einmal mehr im Sinne des von Bourdieu skizzierten Distinktionshandelns gelesen werden können.
Insgesamt gibt das Buch einen sehr guten Einblick in die Auseinandersetzung mit Musikrezeption als soziale Tatsache im Zuge von Aushandlungen sozialer Ungleichheit. Die Ausführungen sind bei starker theoretischer Sättigung gut verständlich, der Forschungspfad wird wiederholt, erklärt und begründet. Der nicht im Detail interessierte Leser wird so manche Interviewauszüge überlesen und dafür großen Gefallen an den übersichtlichen tabellarischen Darstellungen finden. Ein Wermutstropfen ist das mangelhafte Lektorat, hier wurde an der falschen Stelle gespart. Fazit: Das Buch ist Pflichtlektüre für Musikrezeptionsforscher und eignet sich sehr gut als Einstieg in eine Musiksoziologie nach Bourdieu.
1Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1982.
2 Herbert Blumer: What is Wrong with Social Theory? In: American Sociological Review 19 (1954), Nr. 1, S. 3-10.
3 Michael Parzer: Der gute Musikgeschmack. Zur sozialen Praxis ästhetischer Bewertungen in derPopularkultur. Frankfurt a.M.: Peter Lang 2011, S. 145.
Michael Huber (Wien)
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