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Abstract
Tell el-Amarna nimmt unter den bedeutenden Städten des Neuen Reiches Ägyptens im Hinblick auf die importierte mykenische Keramik eine Sonderstellung ein. Der Bau der neuen Stadt am Ostufer des Nil in Mittelägypten wurde durch Pharao Amenophis’ IV./Echnaton in seinem 5. Regierungsjahr angeordnet und innerhalb kürzester Zeit bezogen. Nach seinem Tod um 1334 v. Chr. in seinem 17. Regierungsjahr wurde die Stadt unter dem neuen Pharao Tutanchamun verlassen und die alte Hauptstadt Memphis als neue Königsresidenz gewählt. Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine relativ kurze Besiedlungsdauer Tell el-Amarnas. Sie ist die bislang einzige Stadt in Ägypten, die eine so hohe Quantität mykenischer importierter Keramik aufweist. Seit den frühesten Grabungstätigkeiten durch F. Petrie in den Jahren 1891–1892 wurden in Tell el-Amarna 1341 mykenische Objekte gefunden. Durch spätere Grabungen der Egypt Exploration Society (EES), der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) und ab 1979 auch durch Kemp ist die Objektzahl auf nunmehr rund 1500 Objekte angestiegen. Bemerkenswert ist nicht nur die Quantität, sondern auch der genaue Zeitrahmen, in denen die Gefäße in die Stadt importiert wurden. Sie dienen als archäologischer Beleg dafür, wie eng die gegenseitigen Austauschbeziehungen mit der Mykenischen Kultur zu dieser Zeit waren.
Frühe Beziehungen zwischen den beiden Kulturen sind bereits vor der Regierungszeit Echnatons belegt. So finden sich bereits erste Hinweise in der Regierungszeit Thutmosis III., wie eine Textpassage aus seinen Annalen deutlich macht. Sie berichten, dass während der Pharao in seinem 42. Regierungsjahr auf einer Kampagne in Syrien war, sein Hof von Boten aus Tnj (Tanaja), heute vmtl. die Region des griechischen Festlandes (Peloponnes), besucht und Gaben mitgeführt wurden. ‘Diplomatische Geschenke’ dienten dazu, die Handels- und Austauschbedingungen auszubauen und zu stärken. Die Art der dargebrachten Gaben sind insbesondere in einigen Gräberbildern dargestellt und bestehen aus vorrangig Edelmetallgefäßen mit ägäischen Dekorationselementen. Den Gefäßen zufolge stammten die königlichen Boten und Gabenbringer aus dem ägäischen Raum. Seit der Regierungszeit Pharao Amenophis III. belegen auch die Amarnabriefe den zunehmend intensiver werdenden Geschenke- und Güteraustausch verschiedener Art aber erst seit der Regentschaft Pharao Echnatons sind in Tell el-Amarna die größten Quantitäten mykenischer Keramik in Gesamtägypten belegt. Mit dem Tod Echnatons und dem geordneten Auszug aus der Stadt nach seinem 17. Regierungsjahr besteht der Güterhandel und -austausch mit der Mykenischen Kultur weiter bis in die Regierungszeit Pharao Ramses’ III., allerdings in immer abnehmender Tendenz. In Folge des Seevölkerkrieges um 1200 v. Chr. und der Zerstörung der mykenischen Palastzentren brachen die Kontakte endgültig ab.
Die Handelsverbindungen und der gegenseitige Austausch über große geographische Distanzen hinweg sind durch verschiedene schriftliche und bildliche Quellen dokumentiert. So zeugen Darstellungen von ‘Fremdländern’, Schiffswracks der Späten Bronzezeit und deren Ladung, Importobjekte unterschiedlicher Art, stilistische Einflüsse im materiellen Kontext und letztendlich auch greifbare Einflüsse auf die ägyptische Gesellschaft davon, dass ein enger kultureller Austausch beider Hochkulturen auf unterschiedlichen Ebenen stattfand. Die Pflege diplomatischer Beziehungen wird insbesondere anhand der Amarnabriefe deutlich, aus denen man auf Basis gegenseitiger ‘Geschenkelieferungen’ (eingeschlossen Tier und Mensch) ein primär politisches und wirtschaftliches Interesse ablesen kann.
Gerade anhand des Distributionsmusters mykenischer Keramik im östlichen Mittelmeerraum und in Ägypten wird diese ‘Hoch-Zeit’ gegenseitiger Austauschbeziehungen besonders deutlich. So ist in Tell el-Amarna die bisland höchste Konzentration mykenischer Keramik im Vergleich zum Gesamtägyptischen Raum dokumentiert. Als Grundlage der Arbeit wurde das ursprüngliche Objektcorpus soweit es möglich war rekonstruiert und in Form des die Arbeit begleitenden Katalogteils aufgearbeitet. Das mykenische Keramikmaterial setzt sich vorrangig aus geschlossenen Gefäßformen zusammen, wobei insbesonders Pilgerflaschen und Bügelkannen zahlreich vertreten sind. Geht man davon aus, dass die Gefäße im Rahmen ‘diplomatischer Geschenkelieferungen’ nach Tell el-Amarna gelangten, so machten die Keramikgefäße sicher nur einen kleinen Teil der Güter aus, was auch anhand der Produktauflistungen in den Amarnabriefen deutlich wird.





