Content area
In seinem Traité de l’origine des romans zeichnet Pierre Daniel Huet 1670 ein scharfes Bild der Genealogie der Romangattung. Nachdem er diese systematisch von der epischen Dichtung unterschieden und sie anhand der Prosaform, des Liebessujets und des hohen Grads an erfundenen Inhalten und an unterhaltsamer Leichtigkeit definiert hat, bestreitet er ihre Provenienz aus Spanien oder der Provence, denn die Form wurzele bereits in der Antike und keinesfalls in Europa:
Après être convenus des ouvrages qui méritent proprement le nom de Romans, je dis qu’il faut chercher leur première origine dans la nature de l’esprit de l’homme inventif, amateur des nouveautés et des fictions […] et que cette inclination est commune à tous les hommes de tous les temps et de tous les lieux, mais que les Orientaux en ont toujours paru plus fortement possédés que les autres […] qu’on peut avec justice leur en attribuer l’invention. Quand je dis les Orientaux; j’entends les Egyptiens, les Arabes, les Perses, les Indiens et les Syriens. Vous l’avouerez sans doute quand je vous aurai montré que la plupart des grands Romanciers de l’antiquité sont sortis de ces peuples. […] De sorte que tout ce pays mérite bien mieux d’être appelé le pays des fables que la Grèce où elle n’ont été que transplantées, mais où elles ont trouvé le terroir si bon, qu’elles y ont admirablement bien pris racine.
Drei Aspekte stechen hervor. Erstens bestehe der ursprüngliche Kern des Romaneschreibens aus „fables“, „fictions“ und Fantasiereichem im Allgemeinen. Zweitens schöpften die Romane diesen Kern aus einer ‚orientalischen‘ Quelle – wobei der ‚Orient‘ als ein Anderes konstruiert wird, dessen Denken nicht durch Klarheit und Verstand, sondern durch Poetizität und Mythos geprägt sei. Drittens gelte diese Fremdzuschreibung selbst dann, wenn sie im Rahmen jener antiken griechischen Kultur angesiedelt wird, der sich frühneuzeitliche Humanisten wie eben Huet als ideellem Vorfahren und somit als Modell für den Entwurf des ‚Eigenen‘ verschrieben. Die zwei wichtigsten griechischen bzw. antiken Romanschreiber, die Huet in Achilleus Tatios und Heliodor von Hemesa ausmacht, seien immerhin levantinischer oder ägyptischer Herkunft gewesen: „Héliodore, auteur du Roman de Théagène et de Chariclée, était d’Emese, ville de Phénicie. […] Achille Tatius, qui nous a appris les Amours de Clitophon et de Leucippe, était d’Alexandrie d’Egypte“.
Auch wenn die folgenden dreieinhalb Jahrhunderte seit Huets Traktat einen Gutteil dieser Einschätzungen relativiert oder geradezu berichtigt haben, zeigen sie die Kraft eines Gründungsnarrativs auf, welches die Romangeschichte lange geprägt hat. Dem griechischen Roman haftet das Bild einer idealisierenden Gattung an, die Fernweh und ein Sich-weg-träumen in eine exotische Welt bereithält und die nach vielen Peripetien mit einem Happy End schließt. Demnach stelle dieses eskapistische Moment eine der ‚Seelen‘ des europäischen Romans dar, auf dessen historische Entwicklung gerade Heliodors Aithiopika nach ihrer Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert zurecht ein entscheidender Einfluss nachgesagt wird.
Wie passend ist dennoch dieses Bild, wenn man die konkrete historische Rezeption in der Frühen Neuzeit betrachtet? Wirft man einen Blick auf Spanien – für Huet eine der Wiegen des modernen Romans –, so findet die Vorstellung eines maßgeblichen, mit imaginativem Glanz und Fremde befassten griechischen Romans kaum eine Entsprechung.