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Hintergrund und Ziele. Seit der Veröffentlichung von „To err is human“ ist das öffentliche Bewusstsein für Medikationsfehler (MF) stark gestiegen. Durch die Digitalisierung im Krankenhaus, u.a. durch die Einführung von Computerized Physician Or-der Entry (CPOE) und Clinical Decision Support Systemen (CDSS), können MF reduziert und die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) optimiert werden. Die Einführung kann aber auch mit Risiken wie Overalerting oder einer Nichtakzeptanz verbunden sein. Eine weitere Möglichkeit zur Optimierung der AMTS ist der Einsatz von Stationsapothekern. Ziel dieser Arbeit war es, die Implementierung eines integrierten Medication CDSS am Universitätsklinikum Erlangen (UKER) wissenschaftlich zu begleiten. Dazu wurde eine interprofessionelle Evaluation des kommerziellen Meona Medication CDSS vor Implementierung in die Routine durchgeführt (Publikation A), um die lokal anpassbare Konfiguration des CDSS bestehend aus einzelnen AMTS-Validatoren (z.B. Interaktionen) festzulegen. Daneben wurde die Konfiguration des CDSS an anderen Meona-Standorten vergleichend erfasst. Nach der Implementierung des lokal angepassten Medication CDSS wurde die Performance in der klinischen Praxis durch eine Strukturanalyse der angezeigten Warnmeldungen inkl. pharmazeutischer Validierung (Publikation B), sowie durch eine Ärzte-Befragung zur Akzeptanz von Meona bestimmt. Methoden und Design. Für die Evaluation des CDSS vor Implementierung (A) wurde eine interprofessionelle Arbeitsgruppe (Ärzte, Pflegekräfte, klinische Apotheker, IT-Experten) gegründet und ein vierstufiger Algorithmus entwickelt: (1) Generelle Evaluation, (2) technische und inhaltliche Validierung, (3) Entscheidung über die Aktivierung und ggf. (4) Auswahl des Aktivierungsmodus. Die detaillierte Validierung ab Schritt (2) wurde dabei exemplarisch für ausgewählte AMTS-Validatoren durchgeführt. Zusätzlich wurde eine elektronische Befragung aller universitärer Meona-Standorte in Deutschland durchgeführt, um deren Meona Konfiguration zu vergleichen. Für die Strukturanalyse (B) wurden prospektiv pseudonymisierte Daten von 160 Patienten (4 Fachrichtungen) verwendet. Es wurde die Anzahl und Art der in Meona angezeigten Warnmeldungen erfasst. Für alle schwerwiegenden Warnmeldungen und alle Doppelverordnungen wurde eine pharmazeutische Validierung im 4-Augen-Prinzip durchgeführt: Bestimmung (1) der inhaltlichen Angemessenheit und (2) der Patientenrelevanz. Bei patientenrelevanten Warnmeldungen sowie bei CDSS-unabhängig identifizierten MF wurde durch die Stationsapotheker interveniert und dies in ADKA-DokuPIK dokumentiert. Die interprofessionell entwickelte Befragung aller Ärzte des UKER enthielt 47 Fragen zur Evaluation von Meona als CPOE und CDSS sowie des Stationsapothekerservices und wurde mittels SoSci-Survey® durchgeführt. Ergebnisse und Beobachtungen. Durch die generelle Meona-CDSS-Evaluation (A) konnten einige Verbesserungen des CDSS (z.B. Filter für schwerwiegende Warnmeldungen) erreicht werden. Von 10 evaluierten AMTS-Validatoren wurden 3 aufgrund von Limitationen (z.B. technische Dysfunktionalität, fehlende Praxistauglichkeit der Hinweise) deaktiviert. Für die 7 aktivierten AMTS-Validatoren wurde 4-mal der „PUSH (&PULL) Modus“ und 3-mal ein neu entwickelter „only-PULL-Modus“ (passive on-demand Anzeige der Warnmeldungen nur im „Prüfen-Button“) verwendet. Die Befragung der Meona Standorte zeigte eine sehr heterogene Konfiguration des CDSS. Die Strukturanalyse (B) zeigte 1799 Warnmeldungen für 160 Patienten, wovon ein Drittel von Meona als schwerwiegend klassifiziert wurde. Die pharmazeutische Validierung ergab eine inhaltliche Angemessenheit der Warnmeldungen von 82,7% (535/647), wovon allerdings nur 19,6% (105/535) als patientenrelevant eingestuft wurden. Die Stationsapotheker dokumentierten 244 Interventionen, wobei CDSS-unabhängige Interventionen signifikant häufiger als CDSS-getriggerte Interventionen durchgeführt wurden (p"<"0,001). Der Akzeptanzgrad der Interventionen durch die Ärzte lag bei 92,2%. Die Ärzte-Befragung zeigte eine hohe Akzeptanz von Meona als CPOE. Die Evaluation des CDSS ergab, dass PUSH-Validatoren deutlich bekannter waren als only-PULL-Validatoren. Unabhängig vom Konfigurationsmodus wurden alle AMTS-Validatoren überwiegend mit den Noten „gut“ und „sehr gut“ bewertet. Die Möglichkeit Warnmeldungen on-demand im „Prüfen-Button“ aufzurufen, wurde von der Mehrheit der Befragten „weniger als 1x/Woche“ oder „nie“ genutzt. Schlussfolgerungen. Die interprofessionelle Evaluation zeigt durch die identifizierten Limitationen und erreichten Verbesserungen des CDSS, dass eine Evaluation vor der Implementierung unerlässlich ist. Trotz angepasstem CDSS wurden bei der pharmazeutischen Validierung nur circa 20% der Warnmeldungen als patientenrelevant bewertet, was auf ein Overalerting hinweist. Daher ist es unabdingbar, die angezeigten Warnmeldungen im klinischen Kontext erneut interprofessionell zu bewerten und weitere CDSS-Verbesserungen anzustreben. Die Nutzung des „Prüfen-Buttons“ sollte z.B. durch kontinuierliche Schulungen gesteigert werden. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines Einsatzes von Stationsapothekern oder anderen AMTS-Experten zur Optimierung der AMTS.