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Jan-Dirk Döhling, Der bewegliche Gott. Eine Untersuchung des Motivs der Reue Gottes in der Hebräischen Bibel (Freiburg 2009, Herder, Herders Biblische Studien, Bd. 61, XV + 575 S., geb. 3 67,00). [Gegenstand der an der Universität Marburg entstandenen Dissertation ist eine theologische Bestimmung des Motivs der Reue Gottes im Alten Testament. Dabei ist die Studie bewußt synchron an den verschiedenen Ausformungen des Motivs orientiert. In einem ersten Teil geht der Vf. neben ausführlichen Darlegungen zum theologischen Horizont der Arbeit und zur vorangehenden Forschung auf die Semantik der zumeist mit »Reue« wiedergegebenen Wurzel ,xn ein. Diese Wurzel bezeichnet im nifcal und hitpacel eine emotional-kognitiv- voluntative Transformation am Subjekt, die das Tun dieses Subjekts mit umfaßt. Die so beschriebene Handlung läßt sich im Deutschen mit »Reue« wiedergeben, wenn dabei klargestellt ist, daß es sich hierbei eben nicht nur um ein emotional-moralisches Empfinden, sondern auch um einen kognitiven Akt handelt, und wenn dabei beachtet wird, daß dieses Verhalten nicht nur auf Vergangenes, sondern auch auf Gegenwärtiges und auf Zukünftiges gerichtet sein kann (S. 1-81). Das eigentliche Kernstück der Studie besteht sodann in einer umfassenden Behandlung der mit dem Motiv der Reue Gottes verbundenen Passagen des Alten Testaments (Gen 6,5-8; Ex 32,7-14; I Sam 15; Jer 4,28; 8,6; 15,6; 18; 20,16; 26,3.13.19; 42,10; Hos 11,8-9; Joel 2,13-14; Am 7,1-6; Jon 3,4-10; 4,1-11). Dabei fragt der Vf. v. a. nach den jeweils erkennbaren Voraussetzungen der göttlichen Reue sowie nach der inneren Logik der hier belegten Reuevorstellungen. So ist etwa beachtenswert, daß an zahlreichen Stellen der göttlichen Reue die menschliche Umkehr vorausgeht. Das göttliche Verhalten ist hier also als Reaktion auf ein menschliches Verhalten zu verstehen (so etwa Joel 2,13-14; Jon 3,4-10), ja, die göttliche Reue kann bisweilen geradezu als eine Handlungsoption Gottes verstanden werden, die vom Menschen erst ergriffen werden muß, so daß Gott nicht ohne eine menschliche Aktivität zur Reue gelangen kann (Jer 18,7-10; 26,3.13.19). An anderen Stellen ist die Reue Gottes dagegen eher als Folge einer inneren Beziehungsaktivität Gottes zu verstehen, die ohne eine menschliche Verhaltensänderung entweder auf die Fürbitte einer Mittlergestalt zurückgeht (Ex 32,7-14; Am 7,1-6) oder gar gänzlich ohne einen äußeren Impuls in Gott freigesetzt wird (Hos 11,8-9) (S. 83-484). Insgesamt kommt der Vf. so zu dem Ergebnis, daß mit dem Begriffder Reue stets ein Prozeß der Beziehungsveränderung Gottes zum jeweiligen Gegenüber dargestellt wird, der in einem Erkenntnisgewinn Gottes seinen Ausgang nimmt und schließlich zu einer Selbstkorrektur Gottes führt. Das so mit dem Begriffder Reue bezeichnete Verhalten Gottes kann als eine Bewegung Gottes beschrieben werden. Dabei ist zwischen zwei Konzepten zu unterscheiden, einem Entsprechungskonzept, nach dem die Bewegung Gottes bei einer Bewegung des Gegenübers auf Gott hin ihren Ausgangspunkt nimmt, und einem Differenzkonzept, bei dem Gott diesen Zusammenhang durchbricht und die Reuebewegung aus sich selbst heraus generiert (S. 485-529). Die Studie ist zwar nicht frei von gewissen Überinterpretationen, etwa wenn der Vf. im nichtpriesterlichen Sintflutprolog eine Enttäuschung Gottes über das Scheitern seines Schöpfungshandelns als den eigentlichen Anlaß der dort belegten Reue Gottes erkennen will. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine interessante Arbeit, die ein wichtiges Stück biblischer Theologie freilegt und die die weitere Forschung im engeren und weiteren Umfeld der alttestamentlichen Exegese bereichern wird. Ein Stellenregister ist beigegeben.] J. Wöhrle, Münster





