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PHILIPP THER: Die dunkle Seite der Nationalstaaten. "Ethnische Säuberungen" im modernen Europa. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011. 304 S. = Synthesen. Probleme europäischer Geschichte, 5. ISBN: 978-3-525- 36806-0.
Der Nationalstaat gilt als politische Errungenschaftder Moderne, weil ihm die Vorstellung zugrunde liegt, dass die Bevölkerung nicht einem den Staat verkörpernden Herrscher untertan ist, sondern eine auf eigenem Recht beruhende, den Staat konstituierende nationale Gemeinschaftbildet. Die Kehrseite dieses Konzepts ist, dass alle, die nicht zur Ethnie der jeweiligen Nation gehören, von vornherein als Fremdkörper angesehen werden, als außerhalb der nationalen Gemeinschaftstehend gelten und damit bestenfalls als zu ertragendes Element erscheinen. Damit ist - in den multiethnischen Regionen Osteuropas besonders ausgeprägt - ein "Minderheitenproblem" entstanden, das, wie Philipp Ther darlegt, erst vom Nationalstaat geschaffen wurde und damit eigentlich ein Nationalstaatsproblem ist. Früher hatten in den dynastischen Reichen ethnische Faktoren keine große Rolle gespielt. Parallelgesellschaften konnten friedlich nebeneinander existieren, weil feste Hierarchien das Leben nach ständischen Gesichtspunkten ordneten und soziale Verhältnisse den Alltag bestimmten, die den ethnischen Unterschieden keine Bedeutung gaben.
Die Logik des Nationalstaates führte dazu, dass die als ethnische Fremdkörper betrachteten Bevölkerungsteile unter Druck gerieten. Die Alternative, vor der diese grundsätzlich standen, lautete Anpassung durch Aufgabe ihrer ethnischen Identität oder Verlassen des Staatsgebiets. Diese Wahl bestand jedoch vielfach nur theoretisch. In der Praxis war die Lage zumeist komplizierter. Wenn es nicht um vereinzelte Individuen, sondern um kompakte Gruppen ging, die bestimmte Gebiete fast allein bewohnten, kam es kaum in Betracht, dass diese in ihrer Gesamtheit zur dominierenden Staatsnation konvertierten oder auswanderten. Wenn daher die Realität dem verinnerlichten Ideal der ethnischen Homogenität widersprach, erschien den Eliten der Staatsnation die Loyalität des betreffenden Bevölkerungsteils zweifelhaftund das von ihm besiedelte Gebiet als fremder, unzuverlässiger Außenposten.
Die daraus erwachsenden Spannung prägten die Situation in Osteuropa, denn dort war - anders als im meist homogenen Westen des Kontinents - die Bevölkerung weithin ethnisch durchmischt. Das war fatal, weil sich die Nationen als Staatskörper definierten, der nicht auf der subjektiven Zustimmung seiner Bürger, sondern dem objektiven Kriterium der ethnischen Einheitlichkeit und Übereinstimmung beruhte. Ethnische...





