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Das Bekenntnis zur Geburt Jesu Christi »von der Jungfrau Maria« kann gegenwärtig von vielen Christen nur mit Vorbehalt mitgesprochen werden. Dabei sind die Einwände gegen das Festhalten an einem biologischen Wunder angesichts der im Credo folgenden Rede von der Auferstehung nicht sonderlich überzeugend. Weitaus gewichtiger sind die Bedenken gegen die dogmatischen Erläuterungen, welche die Notwendigkeit dieses Wunders zu plausibilieren versuchen. Sehr klar sind diese dogmatischen Argumente samt einer fundamentaltheologischen Einbindung von Karl Barth vorgetragen worden, daher werden die folgenden Ausführungen sich vor allem mit ihm im Rückgriff auf Emil Brunner, seinem kritischen Wegbegleiter, auseinandersetzen1. Gegen Barth soll herausgestrichen werden, dass es weder fundamentaltheologische noch dogmatische Argumente für das Festhalten an der Rede von der Jungfrauengeburt gibt - wohl aber ethische Argumente, die am Ende vorgestellt werden. Doch zuvor müssen die Voraussetzungen geklärt werden; ich betrachte zunächst die terminologischen, dann die biblischen und schließlich die dogmengeschichtlichen Grundlagen der Jungfrauengeburt.
I. Die Grundlagen
a) Terminologisch ist es in der gegenwärtigen protestantischen Theologie üblich, mit dem Begriff der »Jungfrauengeburt« nicht das Weihnachtsereignis, sondern vielmehr die mit der Empfängnis Jesu beginnende und mit der Niederkunft endende Schwangerschaft Marias zu bezeichnen2. Auch in der Alltagssprache der Christen ist dieses Verständnis vorherrschend. In der katholischen Dogmatik wird hingegen präzisiert: Jungfrauengeburt meint hier die virginitas in partu und steht damit für die bereits im Protevangelium des Jakobus (19 f.) aufgestellte Behauptung, dass die Geburt Jesu für Maria ohne Schmerzen, insbesondere ohne Verletzung der Geburtswege verlaufen wäre. Davon unterschieden werden einerseits die virginitas ante partum als jungfräuliche Empfängnis, die in Lk 1,31-35 geschildert wird, andererseits die virginitas post partum, die Behauptung einer immerwährenden Jungfernschaft Marias, die demnach keine weiteren eigenen Kinder gehabt hätte. Ich folge dennoch dem unpräziseren Sprachgebrauch und verwende den Begriff Jungfrauengeburt gleichbedeutend mit der exakteren Bezeichnung Parthenogenese. Nicht nur die eingespielte Begrifflichkeit spricht für diese Entscheidung, sondern auch die Distanz zu den mariologischen Ausführungen der katholischen Tradition, die im Anschluss an den biblischen Befund darzulegen sein wird.
b) Der biblische Befund kann hier nicht eingehend exegetisch analysiert, muss aber dargelegt werden7, schließlich hat er für die systematische Theologie grundlegende Bedeutung. Die Rede von der Jungfrau Maria findet sich ausschließlich in den Evangelien nach Matthäus und Lukas, die dabei voneinander abweichende Erzählungen über die Geburt Jesu bieten8. Da die apologetische...





