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Kaspar Scheits Fr?hliche Heimfahrt im Spannungsfeld von autochthoner literarischer Tradition und Renaissance-Humanismus1
Abstract
Kaspar Scheits Fröhliche Heimfahrt wird dahingehend befragt, inwiefern sich das humanistische Wissen auf die volkssprachige Literatur der Generation vor Johann Fischart auswirkt, sich Bezüge zu Antike und Humanismus mit dem Begriff der imitatio veterum beschreiben lassen und welche Funktion diese Elemente im volkssprachigen Kontext haben. Dabei wird gezeigt, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Humanismus bei Scheit als Typus von imitatio bestimmen lässt, bei dem sich Nachahmung nicht primär auf den antiken Kontext bezieht: Nachgeahmt werden nicht antike Mustertexte, sondern poetisch-rhetorische Praktiken des Humanismus. Eine Vorbildfunktion hat dabei die französische Dichtung, insbesondere die des Hofdichters Clément Marot.
In Literaturgeschichten des 19. und 20. Jahrhunderts wird die deutschsprachige Literatur des 16. Jahrhunderts bis in die j?ngste Zeit getrennt von der lateinisch-gelehrten Literatur behandelt und als r?ckst?ndig, da volksst?mlich naiv oder manieristisch verstiegen beschrieben; die Autoren gelten als unbeholfen, ihre Werke als derb und ohne gr??eren Anspruch jenseits ihrer didaktischen Wirkungsabsichten.2 Insgesamt sei das 16. Jahrhundert aufgrund der Unruhen, die die Reformation, die Bauernaufst?nde und die Zeit der Konfessionalisierung mit sich gebracht haben, f?r die deutsche Dichtkunst nicht g?nstig gewesen ? so August Koberstein und Karl Bartsch in der Geschichte der deutschen Nationalliteratur bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts? Den literaturgeschich?ichen Darstellungen zu Folge steht die deutsche Literatur abseits der gleichzeitigen Versuche der volkssprachigen Literaturen S?d- und Westeuropas, in Auseinandersetzung mit der ma?st?blichen Antike und in Konkurrenz zum Neulatein eine elaborierte Literatursprache zu entwickeln;4 als ?berwinder dieser R?ckst?ndigkeit und Begr?nder einer neuen deutschen Literatur, die an klassischen Vorbildern wie an deren Adaptation in volkssprachigen Literaturen S?d- und Westeuropas orientiert ist, gilt gemeinhin Martin Opitz.5
Jüngere Arbeiten zur volkssprachigen Literatur des 16. Jahrhunderts zeigen nun, dass diese in der Literaturgeschichtsschreibung f?r das deutsche Sprachgebiet im 16. Jahrhundert vorgenommene rigide Trennung zwischen volkssprachiger und humanistisch-lateinischer Literatur nicht gerechtfertigt ist.6 Sie zeigen, dass entgegen der seit dem 19. Jahrhundert vorherrschenden Einsch?tzung, wonach die neuere deutsche Literatur mit Martin Opitz' Buch von der deutschen Poeterey (1624) beginne, die deutschsprachigen Autoren des 16. Jahrhunderts ihrem Selbstverst?ndnis nach sehr wohl am europ?ischen Renaissance-Humanismus teilgenommen haben. Viele von ihnen haben humanistische Bildung genossen und/oder sind in humanistischen Kreisen verkehrt (z.B. Johann von Schwarzenberg, Johannes Spreng, Georg Rollenhagen, Johann Fischart). Manche...





