Michele MATTUSCH (Hg.), Kulturelles Gedächtnis - Ästhetisches Erinnern. Literatur, Film und Kunst in Rumänien [Cultural Memory - Aesthetic Remembrance. Literature, Film and Art in Romania], Berlin, Frank&Timme (Forum Rumänien, Band 37), 2018, 600 S.
Seit einigen Jahren ist das Thema Gedächtnis und Erinnerung heftig vom Alltag ins Wissenschaftliche gelangt, sowohl in West-, als auch in Osteuropa. Dieser Tatbestand mag wohl kein Zufall sein, denn die Menschheit steht kurz vor einer Zeit, die einen heftigen Gedankenaustausch diesbezüglich fordert. Man ist im Grunde genommen bei einer kulturellen Revolution Zeuge, die vielleicht nur der Erfindung der Druckerpresse gleichen könnte - unterdessen wird nämlich der Kanon aus der Gegenwartsperspektive heraus hinterfragt und reflektiert. Während das politische Klima in Westeuropa einen lockeren Umgang mit der Erinnerungskultur ermöglicht hat, ist die Lage im ehemaligen sozialistischen Osteuropa aufgrund von dauernden Gedächtnisschüben unerbittlich anders gewesen.
So greift der Band Kulturelles Gedächtnis - Ästhetisches Erinnern. Literatur, Film und Kunst in Rumänien, der aus dem mehrjährigen gleichnamigen Projekt entstanden ist und von Michele Mattusch 2018 bei dem Berliner Verlag Frank&Timme herausgegeben wurde, auf Gedächtnisbegriffe und intermedíale Gestaltungen von Erinnerungsorten zurück, die eine Kultur des Erinnerns durch Beiträge von Pierre Nora, Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann veranschaulichen lassen. Sei es also durch Schrift, Bild oder Denkmäler, wird das kulturelle Gedächtnis überzeitlich und überindividuell vermittelt.
Der Rückgriff von Kulturwissenschaftlern auf dieses Prinzip steht im engen Zusammenhang mit dem Wunsch, nicht das erlebte Trauma zu vergegenwärtigen, sondern eine Bindung zur Gemeinschaft wiederherzustellen und somit Erinnerungsorte zu schaffen, die dem verdrängten eine Stimme geben, während man „sich [...] zwischen dem persönlichen Erinnern der Zeugenschaft und den Formen des kulturellen Gedächtnisses, seiner Mediatisierung, Fiktionalisierung und Ästhetisierung, und seinem re-präsentativem Anspruch [bewegt]" (S. 17).
Die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis in Rumänien weckt genau dadurch Interesse, weil hier der Erfahrungsraum und der Erwartungshorizont in Anbetracht von binnenländischen historischen Ereignissen auseinandergehen und sie letztlich einen gemeinsamen Topos innerhalb eines kulturellen Gedächtnisses finden können. Besonders nach dem Jahr 1989 beginnt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in einer neuen Form da, die eine neue Geschichtsschreibung verkündet. Es handelt sich dabei nicht nur von der Dekonstruktion nationaler Heldenmythen, aber auch vom Opfergedenken kurz vor und während des kommunistischen Regimes.
In diesem Sinne ist der vorliegende Band in vier Oberthemen aufgeteilt: Vom Trauma zum Text, Der Roman der Memoria, Zwischen Literatur und Film und Über Denkmäler - und die Künste.
In seinem Beitrag, Traumatisches Gedächtnis und Testimonalliteratur, konzentriert sich der Autor Dumitru Tucan (Timisoara) zum Beginn des ersten Oberthemas des Bandes auf die Lagerliteratur und die historischen Dimensionen dieses Genres und stellt sachbezogene Zusammenhänge zwischen Trauma, Gedächtnis und Literatur her, die das Ziel haben, dem kollektiven Trauma eine dokumentarische Zeugenschaft zu verliehen. Die Narrativierung des Traumas bedeutet seines Erachtens eine Wiedergutmachung für die Lageropfer.
Von der Überwindung des Traumas handelt auch der Beitrag von Tatiana Ciocoi (Kischinau), Das polyphone Gedächtnis - Stimmen, Perspektiven und Blickwinkel über die traumatisierende Vergangenheit. Die Autorin geht davon aus, dass das Gedächtnis der stalinistischen Diktatur im ehemaligen Ostblock sich nicht auf das räumliche Vermögen, sondern auf ein Lebensgefühl bezieht, das in memorialistischen Schriften seinen Ausdruck findet. Tatiana Ciocoi geht vom Werk von Swetlana Alexijewitsch aus und schildert den Begriff des „geteilten Gedächtnises" (Horia Roman Patapievici) der europäischen Erinnerungskultur am Beispiel der memorialistischen Literatur, die Fragestellungen und Antwortfindung zum Thema Erinnerung hat.
Dagegen beschäftigt sich Valeriu P. Stancu (Berlin) in seinem Beitrag Orbitor oder die integrative Kraft der Memoria mit Mirceas Cartarescus Trilogie Orbitor und dem Gedächtnis als Bestandteil des Imaginären, wobei die Fiktion zum passenden Topos der Rekonfiguration des durch Trauma verdrängten Gedächtnisses wird. Der Autor nennt zwei Darstellungsmodi im Orbitor: Die kulturelle Ebene, die sich über das Individuum hinaus entfaltet, sowie die Selbstreflexion des Autors und des Protagonisten. Diese Begriffe verschmelzen in Akasia, eine Metapher vom Weltgedächtnis, das auf transgressive Dimensionen hinweist.
Sorin Alexandrescu (Bukarest) überrascht den Leser mit seinem Beitrag über Das Gedächtnis als Bühne (Nach einer Vorstellung von Gavriil Pinte) am Beispiel einer Fallstudie zu Gavriil Pintes Theaterstück Cei ce nu uită ('Die, die nicht vergessen') aus dem Jahr 2013. Der Autor betrachtet den Zuschauer als Augenzeuge von Folter und Mord und aufgrund seiner Verunsicherung lässt ihn als Medium des Gedächtnisses erscheinen.
Die literarische Vergangenheit bekommt eine neue Stimme durch Edith Ottschofskis (Berlin) Beitrag Oskar Pastior und ,die leise Stimme der Mnemosynewobei die Autorin eine ,Re-lektüre' des Pastiorschen Gedichts abschrankung ißt Wegweiser (1987) akribisch vollzieht. Das Trauma der Deportation wird somit in Verbindung mit der gebrochenen Logik des zu behandelnden Sprachmaterials gebracht.
Das zweite Oberthema beginnt mit Doris Mironescus (Iasi) Beitrag Mit Blick auf die Romantik. Postkanonisches Gedächtnis im Roman der Jahrtausendwende. Angesichts eines historischen Modells des kulturellen Gedächtnisses von Pierre Nora (Prämoderne, Moderne und Postmoderne) weist der Autor daraufhin, dass die neue Generation von Schriftstellern sich wieder dem Kanon der 1848er verschreibt. Eine Rückkehr zur Romantik der postmodernen Generation wird demnächst von Doris Mironescu bemerkenswert als zwei Tendenzen dargestellt: der kanonische Roman und der nostalgische Roman.
Florin Oprescu (Wien, Timisoara) betrachtet in seinem Beitrag Das Gedächtnis der Macht - die Macht des Gedächtnisses im rumänischen postkommunistischen Roman das Verhältnis von Literatur und Geschichte. Im Genre des Romans, zeigt er, wird das individuelle Gedächtnis hervorgehoben und aufgrund von Beispielen unterscheidet er zwischen der heterochronen und der heterotopen Prosa und berichtet von einer Krise des Gedächtnisses in den neuen literarischen Formen.
Weiterhin wendet sich Andreea Mironescu (Iasi) in ihrem Beitrag Konfigurationen des kulturellen Gedächtnisses im postkommunistischen rumänischen Roman den fiktionalen Ebenen des ästhetischen Erinnerns. Dabei bezieht sie sich auf das Verhältnis von Hans Robert Jauss'entwickelten Identifikationsebenen der Lektüre mit den fiktionalen Gedächtnismodi von A. Erll (2008) und überträgt sie auf die rumänische Literatur nach 1989. Daraus gehen vier Modi der Lektüre hervor - der mythische, der erfahrungsbezogene, der antagonistische und der reflexive Modus - und sie zeigt zunächst auf, dass die junge Generation eher die Satire bevorzugt.
Carmen Muşat (Bukarest) widmet sich in ihrem Beitrag Identität und kulturelles Gedächtnis in der Prosa der Generation der 1980er Jahre einer Übergangsgeneration von Schriftstellern, die meist über den sozialistischen Alltag schreiben und infolgedessen mit den Gefahren der Realitätsdeformation konfrontiert werden. Die Autoren, die Carmen Muşat untersucht (Gheorghe Crăciun, Constantin Stan, Alexandru Vlad und Daniel Vighi), sind Paradebeispiele für eine Literatur, die ein Gegengedächtnis anbietet und die in den meisten Fällen treuer ist als sonstige Dokumente aus der Ceauşescu-Âra.
Michele Mattusch (Berlin) gelingt mit dem Beitrag Wie die Stimmung Geschichte(n) formt und das Gedächtnis prägt - Die Retroromane von Ioana Pârvulescu eine Fallstudie zu dem sogenannten Retroroman, den man als eine neue Form des Geschichtsromans verstehen sollte. Ausgangspunkt der Untersuchung sind die Essays und das romaneske Diptychon von Ioana Pârvulescu, die die Lebenswelten am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Gegenwart des Lesers in Verbindung bringt. Die Autorin des Beitrags beachtet dabei das „Zusammenspiel von kollektivem historischen Fortschritt und existentieller Zeitlichkeit" (S. 47).
Iulia Dondorici (Berlin) beschäftigt sich zum Beginn des dritten Oberthemas des Bandes mit dem Thema des Körpergedächtnisses. In ihrem Beitrag ,Lasst uns nie mehr darüber sprechen!' - Das Gedächtnis des weiblichen Körpers im Spiegel von Literatur und Film (1990-2010) bezieht sie sich auf die Bevölkerungspolitik des sozialistischen Regimes mit deren traumatischen Folgen. Die Repräsentativität des weiblichen Körpers veranschaulicht sie am Beispiel von der Literatur von Gabriela Adame şteanu, Ana Maria Sandu und Carmen-Francesca Banciu. Dieses Thema beschäftigt neulich auch junge Regisseure und in diesem Sinne verbindet die Verfasserin ihre Ergebnisse mit einem Blick auf den Film 4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile von Cristian Mungiu.
Der folgende Beitrag Filmische Narrative der Aufarbeitung in Rumänien von Heide Flagner (Leipzig) behandelt die Entwicklung des rumänischen Films nach 1989 und zeigt unterschiedliche Darstellungsmodi der Vergangenheit in der Filmkunst. Der kommunistische Film war geprägt von Pintilie, Piţa und Veroiu, die oft einen tragischen und symbolischen Einblick in den kommunistischen Alltag gewährt haben, während die ,Neue Welle' des rumänischen Films sich von dieser Praxis distanziert und neue Ausdrucksformen von Einzelschicksalen sucht.
Anke Pfeifers (Berlin) Beitrag Vermittlung autobiographischer „Rekonstruktionen". Fiktive Lebenserinnerung in den Filmen Medalia de Onoare und Sunt o babă comunistă weist auf den Versuch der Regisseure, den Alltag der Ceauşescu-Âra ins Gedächtnis zurückzurufen und ihn der jüngeren Generation selbstprüfend zu vermitteln, indem er Wertdebatten auslöst.
In Die Reste der Vergangenheit - kommunistische Denkmäler zwischen Instrumentalisierung und Vergessen stellt Claudia-Florentina Dobre (Bukarest) im letzten Teil des Bandes die politische Denkmalskultur Rumäniens von 1945 bis zur Gegenwart historisch-kritisch dar. Das totalitäre Regime übte seine Kontrolle sowohl über das individuelle, als auch über das öffentliche Gedächtnis aus und hat mit dem Gedanken des Heldengedächtnisses und der Nationalmythen gespielt. Nach 1990 merkt man hingegen eine eher europäische Ausrichtung der Denkmäler.
Im Anschluss daran konzentriert sich der Beitrag von Nicoleta Şerban (Bukarest) - Denkmäler für Persönlichkeiten aus Geschichte und Politik im öffentlichen Raum Bukarests nach dem Ende des kommunistischen Regimes - auf die Bukarester Errichtung von Denkmälern und berichtet von beim Volk beliebten Einweihungsfeiern rund um diese neue Kultur der Erinnerung.
Elena-Despina Naghi (Bukarest) untersucht in ihrem Beitrag Bekanntes und Anonymes in der Bukarester Topographie zwei Bukarester Stadtviertel und versucht, deren Wert aufgrund von Straßennamen, Gedenkhäusern und Denkmälern festzustellen. Die Verfasserin verfolgt die Geschichte von urbanen Erinnerungsorten und geht von der Existenz einer gewissen Typologie von Memorialräumen aus.
Mit dem Aufsatz Kriegerdenkmäler deutscher Minderheiten im Banat und Siebenbürgen - Gedenken in schwieriger Erinnerungslandschaft, Vorbild für das Zeitalter des Gedenkens? gewährt Bernhard Böttcher (Paderborn) einen Einblick in die Erinnerungspolitik der Zwischenkriegszeit. Der Autor verfolgt das Zusammenspiel von Skulptur, Text und Kontext der rumäniendeutschen Kriegerdenkmäler und ihre typische Symbolik.
Der Beitrag von Valeriu P. Stancu (Berlin), Das Gedächtnis als Reflexion und Teilhabe. Über das Holocaust-Mahnmal von Bukarest, handelt von dem Holocaust-Mahnmal in Bukarest. Seine These ist, dass Denkmäler erkundet und nicht nur bewundert werden wollen, umso mehr, weil es sich, wie in diesem Fall, von einer „offenen Konstruktion" handelt. Die rituelle Wegstruktur sollte also auf das Trauma hinweisen und zum Andenken anregen.
Ingrid Baltag (Berlin) geht in ihrem Beitrag Die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und den Widerstand in Sighetu Marmaţiei und das Holocaust-Mahnmal in Bukarest. (Ein medienästhetischer Vergleich) darauf ein, dass diese zwei Gedenkstätte aufgrund ihrer Wirkungsästhetik als Strategien der Erinnerungspolitik zu betrachten wären. Andere Gegenstände und eingebaute künstlerischen Objekte sollten also der Verortung des Manhmals auf einer internationalen Ebene dienen.
Der abschließende Beitrag von der Herausgeberin Michele Mattusch (Berlin) handelt von Kunst und Zeit oder gegen das Monumentale. Ioana Ciocans Proiect 1990, das als ironische Reaktion auf die Erinnerungskultur begriffen werden sollte. Das Projekt gehört jüngeren Künstlern, die polemische Reaktionen auf das Monumentale auslösen möchten, bei denen das Zentralthema die Wiederkehr der Vergangenheit bleibt. Die kulturelle Symbolik soll den Rezipienten herausfordern und ihn zur Beurteilung bringen.
Cezara Humă
„Alexandru Ioan Cuza Universität" Iasi
Rumänien
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Abstract
Cultural Memory-- Aesthetic Remembrance: Literature, Film and Art in Romania, by Michele Mattusch, is reviewed.
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