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POLYHISTORISMUS UND BUNTSCHRIFTSTELLEREI. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Flemming Schock. - Berlin, Boston: De Gruyter 2012. (= Frühe Neuzeit. Bd. 169.) 277 S.
Der Titel, Ober- und Untertitel, die Anlage des Bandes, die brauchbare Einführung des Herausgebers Flemming Schock und die beiden grundlegenden Beiträge von Wilhelm Kühlmann und Paul Michel unterstellen auf die eine oder andere Weise, als gäbe es in der sogenannten 'Barockliteratur' ein abgrenzbares Textcorpus namens "Wissensliteratur", das mit Polyhistorie zusammenhängt und als "Buntschriftstellerei" bezeichnet werden soll. Ich muß gestehen, ich halte diese begrifflichen Vorgaben und die daraus folgenden Zuordnungen für die am meisten problematische und am wenigsten einleuchtende Seite an diesem schön gestalteten Band, der von klug kommentierten Materialien überfließt und selbst etwas wie ein Stück germanistischer Polyhistorie darstellt (mit der die Resultate der heute wohl schon so gut wie historischen 'Barockforschung' ja ohnehin oft verwandt gewesen sind).
Die Fragen beginnen schon mit dem zum leeren Etikett inflationierten 'Wissens'-Begriff, der heute mit obstinater Geistlosigkeit in den üblichen Wortkombinationen (-formen, -geschichte, -kultur, -poetik usw.) in allerlei Buch- und Aufsatztiteln begegnet, ohne jemals auf seine analytische Brauchbarkeit geprüft zu werden, was vor allem auf die Frage nach der funktionalen Differenz zu Nachbarkonzepten hinausliefe. Aber wenn alles Wissen ist, ist nichts Wissen, und wenn nicht alles täuscht, haben Literarhistoriker auch früher schon nach dem Wissen in Texten gefragt, ohne diese leere Begriffshülse vor sich herzutragen. Erschwerend kommt hinzu, daß Literatur in einer Epoche, in der die 'Horazformel' vom prodesse delectando usw. selbstverständlich gilt, auch wenn bzw. gerade indem sie nur im Hintergrund wirksam ist und gar nicht präskriptiv formuliert zu werden braucht, nur sehr schwer als etwas anderes denn als eine "Wissensform" zu verstehen ist. Und deshalb stutzt man auch, wenn man bereits auf Seite 2 bei Schock liest: "Nicht der Dichter, sondern [!] der Wissensvermittler Harsdörffer [...]." Leider gelangt man im ganzen Band nicht einmal in die Nähe einer Klärung dieser leidigen Äquivokation.
Weniger prinzipiell, aber nicht weniger irritierend verhält es sich mit dem zweiten Themabegriff, der "Buntschriftstellerei". Diese Bezeichnung wird in dem Band durchgängig, wenn auch unterschiedlich konsequent, als Name für das weitläufige Textcorpus verwandt, ohne daß man sagen könnte, daß die Benennung an irgendeiner Stelle...





