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Abstract
In her essays on the sonnets of Sibylla Schwarz, which celebrate a same-sex love relationship, Erika Greber asserts, that these represent a new subgenre: lesbian Petrarchism. This designation emphasizes the gender of the poet and her muse, but ignores Schwarz's actual innovations in the Petrarchan system. Schwarz adopts and recombines conventions of the male and female variants of the heterosexual Petrarchan sonnet in order to create a new poetic voice that meets the requirements of a de-physicalized female-female configuration.
Keywords
Petrarchan sonnet - female petrarchists - lesbian petrarchism - Neo-Platonism - homoeroticism
Die hervorragende poetische Leistung der viel zu früh verstorbenen Sibylla Schwarz ist nirgendwo besser belegt, als in ihren sechszehn, im Bann des Petrarkismus geschriebenen Sonetten, die als geschlossene Gruppe im zweiten Band ihrer Werke veröffentlicht wurden. Obwohl ihr Erfolg in dieser Gattung schon früh erkannt wurde, begann die intensivere Beschäftigung mit den Sonetten erst mit Helmut Ziefle, der sie im Kontext des Petrarkismus näher untersuchte.1 Leider verkannte er das Besondere und Neue an ihrer Leistung in der Geschichte des petrarkistischen Sonetts, indem er ohne textuelle Beweise annahm, das lyrische Ich der Sonette sei männlich. Diese Annahme führte ihn dazu, Schwarz die Authentizität ihrer lyrischen Stimme in Frage zu stellen und ihr überhaupt ein Verständnis für die Emotionen abzusprechen, denen ein Sonett traditionell und gattungsmäßig Ausdruck verleiht: "Ein persönliches Interesse an der Liebe hat sie aber nicht gehabt. Beim Lesen ihrer Liebesgedichte hat man meistens den Eindruck, dass sie diese hauptsächlich nur als Stilübungen über die Liebe verfasst hat, weil ihr Vorbild, Opitz, auch Liebesgedichte verfasst hat."2 Er versteht ihren Umgang mit dem Repertoire der Motive und Bilder, des Wortschatzes und der rhetorischen Mittel des petrarkistischen Sonetts als bloße imitatio ihres Vorbilds.
Der Petrarkismus und das damit gegebene petrarkistische Liebesmodell operieren normativ in rhetorischen Parametern, die von der Liebesdynamik in Petrarcas Canzoniere (Erstausgabe 1470) bestimmt wurden, insbesondere die antinomische Konfiguration von einem leidenden Liebenden, der seine Liebesqualen durch ein Inventar festgelegter Elemente verzeichnet, und seinem Liebesobjekt, der unnahbaren oder abweisenden Geliebten.3 Die Unnahbarkeit der Geliebten ist zentral für die Einstellung des introspektiven und narzisstischen Ichs als Ursache einer konflikthaltigen, aber exquisiten Schmerzliebe: "[S]ein innerer Widerstreit zwischen Hoffnung und Verzweiflung [...] bildet das Zentrum der Dichtung."4 Das geliebte Objekt des Verlangens wird gesehen,...





